Solidarische Landwirtschaft am Wieserhoisl

Solidarische Landwirtschaft am Wieserhoisl
Beitrag zur Winter School „Solidarische Ökonomie“ 2012 in Villach

 

von Elke, Hofkollektiv Wieserhoisl

Im Zuge der Winter School „Solidarische Ökonomie“ 2012 in Villach haben wir uns Gedanken darüber gemacht, wie solidarisch unsere Landwirtschaft hier am Wieserhoisl ist. Diesen Überlegungen möchte ich jedoch eine kurze Beschreibung des Hofkollektivs voransetzen.

.wer wir sind und wofür wir stehen

zu uns

Nach einer Pionierphase zwischen 2006 / 2007, entstand im Frühjahr 2008 oberhalb Deutschlandsbergs am Fuße der Koralm ein neues Kollektiv. Das Hofkollektiv Wieserhoisl besteht derzeit aus acht Erwachsenen und zwei Kindern sowie zwei Hunden, Hühnern, Gänsen, Enten und Schafen.

das Zusammenleben

Wir leben alle in einem Haushalt. Jedes Mitglied hat eine gleichwertige Stimme und wir entscheiden im Konsens ohne „Chef*in“. Wir bemühen uns individuelle Bedürfnisse zu respektieren und nehmen uns Zeit und Raum um Konflikte zu bearbeiten, um unser soziales Lernen voranzutreiben. Das Zusammenleben in einer größeren Gruppe ermöglicht es, uns solidarisch zu unterstützen. Viele Köpfe und Hände machen nun mal vielmehr möglich.

Teil unseres Alltagslebens ist auch eine gemeinsame, solidarische Ökonomie. Alle eingebrachten finanziellen Mittel tragen zur Deckung der laufenden Kosten sowie individueller Bedürfnisse bei. Hierbei ist es uns vor allem wichtig das gängige Bewertungssystem von Arbeit aufzubrechen. Subsistenzlandwirtschaft, Hausarbeit oder Kinderbetreuung haben denselben Anspruch auf Wertschätzung wie bezahlte Erwerbsarbeit. Anfallende Kosten decken wir mit fixen und unregelmäßigen Einnahmen. Lohnarbeit lehnen wir aus verschiedenen Gründen nicht grundsätzlich ab. Wir möchten uns jedoch die Freiheit nehmen immer wieder aufs Neue zu entscheiden ob dieser oder jener Job angenommen wird. Nicht zu Letzt wollen wir Zeit und Raum haben für unsere Kinder und für die schönen Dinge im Leben.

Prekär leben wir trotzdem. Für Leute wie uns und Lebensformen wie die Unsere sorgt das mehrheits-gesellschaftliche System nicht vor. Laut Statistik leben wir unter der Existenzgrenze. Wir sehen es geht trotzdem – das leben wir täglich.

die Zuwendung zu Grund und Boden

Der Hof Wieserhoisl entspricht einem typischen Weststeirischen Bauernhof mit relativ kleinem Wohngebäude, einem alten Presshaus und zwei großen Stallgebäuden. Diese werden derzeit als Gäste- und Seminarraum, Stall, Werkstatt, Lagerraum, Probe- und Veranstaltungsraum genutzt.

Zum Hof gehören ca. 12 ha arrondierter Grund, welcher sich auf Wald und Grünland aufteilt. Die hof-eigene Quelle versorgt uns mit Trinkwasser und eine Pflanzenkläranlage reinigt das anfallende Abwasser.

Wir betreiben subsistenzorientierte Landwirtschaft, vor allem Gemüse- und Obstbau, Gewürz- und Heilkräuteranbau. Wir haben Hühner, Enten und Gänse und beweiden Teile unserer Flächen mit Krainer Steinschafen. Mit den 4,5 ha Wald decken wir unseren Brenn- und Bauholzbedarf. Wir fördern alte sowie Standort angepasste Sorten, die Vielfalt im Garten, im Wald und an verschiedenen Lebensräumen. So schaffen wir Raum für biologische Diversität und Puffer für natürliche Veränderungen.

Unsere landwirtschaftlichen Erzeugnisse konsumieren wir großteils selbst. Wenn bei veredelten Produkten Überschüsse anfallen, verteilen wir diese an Familienangehörige, Freund*innen und städtische Netzwerke, die sich für eine regionale Lebensmittelverteilung aus naturnaher Produktion engagieren (in erster Linie an Foodkops).

Was wir zusätzlich an Lebensmitteln benötigen, kaufen wir möglichst biologisch und regional oder erwerben diese durch Austausch von Produkten oder Dienstleistungen. Wir versuchen den Weg in den Supermarkt zu verringern, denn wir unterstützen weder die Politik der derzeitigen Produktions-bedingungen noch die Preisgestaltung der dort angebotenen Produkte.

Netzwerke bilden

Wir sehen uns als Teil einer internationalen Bewegung, eines Netzwerkes von anderen Höfen, Initiativen und Projekten, die für andere Welten kämpfen. In diesem Sinne versuchen wir uns mit jenen Kräften und Menschen zu verbinden, die an denselben Visionen, Themen und Anliegen arbeiten. Wir schließen uns zusammen um Theorie in Praxis umzusetzen und Erfahrungen auszutauschen vor allem im landwirtschaft-lichen Bereich. Beispiele sind die Saatgutkampagne „Zukunft säen – Vielfalt ernten“, die Initiativen für den Zugang zu und das Recht auf Land „Reclaim the Fields“, sowie Via Campesina und die Bewegung für Ernährungssouveränität.

(Auszug aus dem Konzept des Hofkollektivs Wieserhoisl, 2011)

.Solidarische Landwirtschaft am Wieserhoisl

Grundsätzlich bewirtschaften wir den Hof gemeinsam, aber trotzdem gibt es verschiedene Verantwortlichkeiten, die laufend an die verschiedenen Bedürfnisse angepasst werden. Nicht alle möchten sich zum Beispiel um Tiere kümmern, daher gibt es eine Tiergruppe die wiederum in Geflügel und Schafe aufgeteilt ist. Im Gemüsegarten gibt es Zuständigkeiten für einzelne Sorten, die wir jedes Jahr im Winter neu verteilen. In der Praxis bedeutet dies, dass die zuständigen Personen den Überblick bewahren. Für meinen Kopf bedeutet dies vor allem Entlastung – nicht an alle Kulturen und alle Arbeitsschritte im Garten ständig denken zu müssen, sondern nur in meinem abgegrenzten Bereich.

Solidarität nach Innen

„Nach Innen“ bedeutet in diesem Zusammenhang im Hofkollektiv Wieserhoisl, also unter den Bewohner*innen selbst.

–  Gemeinsame Aktionen: Einmal in der Woche versuchen wir einen gemeinsamen Aktionstag zu machen (derzeit ist es Dienstagnachmittag). Da stürzen wir uns auf „größere Brocken“ im Garten, im Wald, bei Bauaktionen, etc. Dies hat sich dahingehend bewährt, da wir in kurzer Zeit relativ viel an Arbeit schaffen und die gegenseitige Motivation ein schönes Gefühl ist.

– Gegenseitige Unterstützung: Diese ist vor allem in der Tierhaltung ein sehr wichtiger Faktor, da Tiere im Normalfall an den Hof binden. Durch gegenseitiges Aushelfen erhalten wir uns gewisse Flexibilität. Wegfahren für ein paar Tage ist daher recht unkompliziert möglich.

– Gemeinschaftskasse: Jegliche Tätigkeiten werden nicht gegen gerechnet, ganz gleich ob Hofarbeit, Erwerbsarbeit, Kindererziehung, etc. Damit haben wir die Freiheit unsere Land-wirtschaft nicht nach ökonomischen Gesichtspunkten ausrichten zu müssen, sondern nach uns wichtigen Ansprüchen.

–  Bedürfnisorientierung: Diese steht bei der Aufteilung der Verantwortlichkeiten an oberster Stelle und wird auch immer wieder aufs Neue festgelegt. Wenn Gartenarbeit keinen Spaß macht, besteht keine Pflicht Gemüse hegen und pflegen zu müssen. Es müssen auch nicht die Leute den Hühnerstall ausmisten, die eigentlich keine Tiere am Hof haben wollen. Jedoch haben wir in den letzten Jahren einen gewissen sich einschleichenden Automatismus festgestellt. Manche Tätigkeiten werden ganz unhinterfragt an einzelne Personen abgegeben bzw. verlassen wir uns darauf, dass die Person das auch jedes Mal wieder übernimmt.

–  Aufteilen der Arbeit: Je nach Arbeitsbereich findet die Aufteilung weniger oder mehr statt und natürlich gibt es immer fließende Übergänge. Zum Beispiel bei den Kräutern liegt die Zuständig-keit bei zwei Personen, die sich sammeln, anbauen, trocknen, fieseln, etc. unter einander auf-teilen. Kräutertee trinken wir wiederum alle liebend gerne.

Solidarität nach und von Außen

Unter „nach und von Außen“ verstehen wir alles was über das Wieserhoisl hinaus stattfindet. Dies beinhaltet Freund*innen und (Un)Bekannte, regional und über alle Grenzen hinweg.

–  Produkteverkauf: Grundsätzlich produzieren wir nicht für den Verkauf, sondern für den Eigenbedarf (mit Ausnahme einiger weniger Produkte wie Liköre und Schnäpse). Jedoch gibt es immer wieder ein Zuviel an manchen Produkten die wir vor allem im Freundeskreis verteilen und über Foodkops verkaufen. Hier bemühen wir uns um eine solidarische Preisgestaltung zugunsten beider Seiten. Dabei beschäftigen uns immer wieder viele Fragen: Verkauf ja oder nein? Kommerziell oder nicht-kommerziell? Wenn wir verkaufen, wie sieht eine faire Preisgestaltung aus? etc. Eine konsensuale Antwort haben wir noch nicht gefunden und so schreiten wir uns immer neu definierend voran.

–  Besucher*innen helfen mit: Gäst*innen haben uns schon oft aus der Arbeitskrise geholfen. Wenn das Unkraut überhand nimmt hat schon die eine oder andere Besucher*in uns die Karottenernte gesichert.

–  Aktionswochen: Jedes Jahr wieder laden wir Ende des Winters zur Holzaktionswoche ein. Heuer waren so viele Leute, das wir schon Mitte der Woche aus einer Holz- eine Hofaktionswoche gemacht haben. Mit so vielen Händen zu arbeiten und so viel Unterstützung zu bekommen, ist ein unglaublich schönes Gefühl, auch wenn die Küche aus allen Nähten platzt.

–  Vertrauen: Wir bekommen weder Förderungen noch sind wir einem Bioverband beigetreten und somit unterliegen wir keinen Kontrollen. Von der Qualität unserer nicht-zertifiziert biologischen Produkten sind wir überzeugt und bei unseren Abnehmer*innen setzen wir auf Vertrauen.

–  Wissensvermittlung: Besucher*innen bringen nicht nur Arbeitskraft mit, sondern auch Wissen, Fähigkeiten, neue Anregungen und Ideen. Eines der wirklich schönen Dinge im Leben ist im Garten zu pflanzen, jäten, ernten und dabei Erfahrungen auszutauschen und gegenseitig von einander zu lernen. An einem dieser Tage habe ich zum Beispiel voriges Jahr gelernt, dass die erste Blüten von Paprika – die Königinnenblüte – unbedingt abgezwickt gehört. Sonst investiert die Pflanze in nur diese eine Frucht und verzichtet auf reichhaltige Produktion. Die Paprikaernte voriges Jahr war super und heuer habe ich schon eine üppige Anzahl an Pflänzchen vorgezogen.

–  Aktionismus: Im Agrarpolitischen Bereich aktiv zu sein ist in den letzten Jahren immer wichtiger geworden. Vor allem zum Thema Saatgut- und Ernährungssouveränität und Zugang zu Land haben sich unsere politischen Aktivitäten vervielfacht, auf regionaler Ebene aber natürlich auch darüber hinaus.

–  Kaufverhalten: Direkt, regional, biologisch und kleinbäuerlich – leider ist dies nicht bei allen Produkten umsetzbar. Jedoch versuchen wir soweit als möglich einen großen Bogen um Supermärkte zu machen.

–  Nachbar*innen: Über das gute Verhältnis mit unseren Nachbar*innen freuen wir uns besonders. Die Unterstützung reicht von Traktor, Holzspalter, Werkzeug, Arbeitskraft bis zu Wissen und Plaudern.

All dies ist erst der Anfang und die Möglichkeiten der solidarischen Landwirtschaft sind vielfältig und bunt. Unser Netzwerk ist am Wachsen und wir hier am Wieserhoisl freuen uns auf all die neuen Höfe die am Entstehen sind um einer solidarischen Landwirtschaft näher zu kommen.

Beitrag hier als pdf zum Download

Kontakt: Hofkollektiv Wieserhoisl, Warnblickweg 32 – 8530 Deutschlandsberg. wieserhoisl@riseup.net, www.wieserhoisl.at, +43.(0)3462.26870

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